Rotlicht-Interview zur Marina

Kaum ist das Thema angestoßen, so ist das öffentliche Interesse da - der Vetreter der BL wurde sogleich um ein Interview gebeten, das in der "Rotlicht" nur gekürzt abgedruckt werden konnte. Da dieses Thema allerdings nicht so einfach gekappt werden kann: Hier die volle Fassung!!

 

Marina am Kanal:

Reichensilo oder Millionengrab?

rotlicht sprach mit Bernhard Derks von der Bürgerliste Nord und Mitglied der Bezirksvertretung V

rotlicht: Die Mehrheit im Rat treibt das Renommierprojekt Marina voran. Die Bürgerliste hat einen Gegenantrag gestellt. Was habt ihr gegen das, wie es heißt,“zukunftsweisende Projekt für den Essener Norden“?

Derks:

Damit gehts los: Das Ganze wird als “zukunftsweisendes Projekt für den Essener Norden“ verklärt, als "wahnsinnige Aufwertung für den Stadtteil", als "Initialzündung" für den Essener Norden. Und diese -oft inhaltsleeren- Marketingsprechblasen werden immer dann abgelassen, wenn ein Vorhaben unanfechtbar durchgehauen soll, möglichst ohne die Sinnhaftigkeit zu hinterfragen, und ohne auch nur ansatzweise Kritik zu zu lassen. Grund für uns, genauer hin zusehen.

 

Wer die bisherigen Planungen und auch die Bildchen dazu kennt muß merken, daß dieses Objekt weder architektonisch noch vom Bedarf her an diesen Standort paßt. Stellen Sie sich an das nördliche Kanalufer und stellen sie sich vor, auf ein früher oder später verwaistes Hotel mit angrenzenden Bürokomplexen zu blicken, die vom Anblick her den typischen, phantasievollen Bausünden unserer Zeit entsprechen.

Ein Grund, das Ding nicht zu mögen.

Ein weiterer: Es wird suggeriert, daß der Essener Norden aufgewertet werden muß: Sicher gibt es im Norden Ecken, die eine Aufwertung vertragen könnten. Eine Marina wird aber nicht einen Schrottplatz tilgen, nicht eine Fassade erneuern, den Bereich um den Bahnhof Altenessen nicht verschönern. Die Probleme müssen anders gelöst werden. Der Essener Norden ist nicht schlechter oder besser aufgestellt als andere Bereiche. Und er muß sich nicht so klein reden lassen, daß er sich in voller Verzweiflung als Spielwiese für experimentelles Bauen und wildgewordene Planungsinstitutionen hergeben muß. Über Alternativen lässt sich im Norden sicherlich diskutieren.

 

Angeschoben werden soll ein Millionengrab und Baubrache. Zuerst wird geködert und postuliert, daß dem Steuerzahler keine Kosten entstehen. Auf kritische Fragen jedoch werden vorsichtshalber keine Antworten gegeben, und jeder weiß daß die Stadt Essen jede Menge Kohle loswerden wird, ohne die realistische Aussicht, daß das Geld jemals wieder zurückfließt, oder den Bürgern im Norden auf irgend eine Art und Weise dient.

 

Gehen Sie mit dieser Planung in den Essener Süden, versuchen Sie, irgendwo am Ruhrufer sowas zu etablieren – da werden Sie schneller aus dem Bezirk gejagt, als Sie glauben. Und wieso sollten wir im Norden anders handeln?

 

rotlicht: und was habt ihr dem entgegenzusetzen?

Derks: Veränderungen im Kanaluferbereich sollen den Menschen im Essener Norden zu Gute kommen. Dies wäre auch mit wenigen einfachen Mitteln mit einem
Kanalparkkonzept nahe Zweigertbrücke und Schurenbachhalde unter Einbeziehung
des Emscherparks möglich. Wir stellen uns vor, daß Wassersport (ohne Motorgeplärre, also Kanu- und Rudersport) angesiedelt wird. Da hat es bereits Anstöße gegeben, parteiübergreifend gutgeheißen. Wander– und Radwege ausbauen, ein Kanalstrandbad bauten (bzw. reaktivieren), Grill– und Liegeflächen angelegen – all das sind Dinge, die den Menschen im Essener Norden seit langem fehlen. Und denkt man an die Diskussionen um die Revierbäder, demnächst vielleicht noch mehr fehlen werden.

Ein entsprechendes Konzept von uns ist dazu in Arbeit, die Forderungen teilweise schon formuliert (und bemerkenswerterweise scheinbar schon von der SPD-Fraktion registriert).

 


rotlicht: Marina wird also ein Flop?
Derks: Hier einige Punkte, die das verdeutlichen sollen:

 

  • Wassersport: 6 km/h Limit für Motorboote, Segeln geht gar nicht

  • Einkaufs– und Freizeitangebot: fehlt weitgehend

  • Gewerbe: Es fehlt an hochwertigem Gewerbe wie in Duisburg

  • Integration Wohnumfeld: Keine Angebote für die angrenzende Wohnbevölkerung

  • Kultur: Kein kulturelles Angebot im direkten Umfeld

  • Überangebot: Jede Stadt am Kanal versucht sich mit einer Marina –außer Duisburg bisher ohne Erfolg

  • Umwelt: Der Bereich wird massiv durch die anliegende Industrie belastet und liegt im Feinstaubsperrgebiet. Außerdem hat der Beirat der Unteren Landschaftsbehörde ebenfalls schon abgewunken: Neben einigen anderen Ablehnungsgründen kommt der östlich geplante „Grachtenbau-Wohnkomplex“ gar nicht in Frage, da massiv ín den Bereich der Schurenbachhalde eingegriffen werden müßte. Das Objekt Schurenbachhalde und die getätigten Bemühungen gerieten zur Lachnummer.

 

Den Planern scheint derzeit aber nicht in den Sinn zu kommen, dass Besitzer schicker Motorjachten, nicht viel Spaß daran haben, mit 6 km/h über den Kanal zu schippern und sich mit Blick auf die angrenzende Industrie auf dem Anlieger zu sonnen. Und bei den Gewerbeflächen für den Dienstleistungssektor haben wir schon jetzt ein immenses Überangebot.

 

 

Zuletzt: Welche Beweggründe diejenigen haben, die sich so vehement für die Realisierung aussprechen, kann ich nicht nachvollziehen. Aber die Art und Weise, wie mit unserem Standpunkt umgegangen wird verdeutlicht einiges: Da wird der Bürgerliste vorgeworfen (ohne den Versuch zu machen, selbst Argumente in die Diskussion einzubringen) "boshafterweise" dem Essener Norden Schaden zufügen zu wollen,  – den Vorwurf kann ich an die CDU gerne zurückschicken. Die SPD-Fraktion lehnte die Vorlage ab, ohne sie verstanden zu haben. Das sagt alles.

Glücklicherweise mehren sich die Stimmen auch in der SPD, die überzeugt sind, daß das Projekt nicht kommt und Blödsinn ist. Natürlich nicht öffentlich…